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Filipowitsch, Ludmila "Lokale Bullenkriege 2"


Eine Wohltat für die Seele: ganze Familien sitzen gebannt vor dem Bildschirm und sehen den in Sankt Petersburg gekonnt und authentisch produzierten Zwölfteiler über den Polizistenalltag wie im richtigen Leben. „Bullenkriege“ – das ist klasse. Die Hauptperson der Fernsehserie Major Schilow wurde buchstäblich zum Idol. Aber lassen Sie uns auf Ereignisse schauen, die hier in der Nähe Wellen schlagen, eins zu eins wie auf dem Bildschirm, bei unserem Major Schilow aus Bogdanowitsch, einer Stadt, anderthalb Stunden Fahrt von Jekaterinburg entfernt. Eine Fernsehserie aus dem Leben, am Ural.
Die Zigeunerin nahm seine Hand und las aus ihr
… Oberleutnant Wadik Chudoroshkow empfing den ungeladenen Gast im privaten Rahmen, bei sich zu Hause. Er saß am Tisch und aß zu Mittag. An Kleidung trug der Oberleutnant lediglich eine Unterhose, darin war ein digitales Diktaphon versteckt. Zwei Beamte versteckten sich hinter dem Bettvorhang eines Kinderbettes. Die Eingreiftruppe hatte sich im Hof verschanzt. Und der Gast, die Zigeunerin und Drogenhändlerin Galja Kaschpirowa, gab Schmiergeld: „Wir beide werden zusammenarbeiten – nur du und ich. Und werden beide was davon haben. Hier das Geld, elf-tausend und goldene Ohrringe, die schenkst du deiner Frau…“ Die intime Bestechungsszene wurde wie geplant von den Beamten unterbrochen und die Handelsobjekte der Dealerin innerhalb Sekunden sichergestellt: weder das Geld, noch den Schmuck schaffte sie in ihren weiten Röcken zu verstecken.
Das ist übrigens nur eine Episode aus dem Alltag der Bogdanowitscher Polizei im Kampf mit der Drogenmafia. Aber all das ist, wenn auch erst seit kurzem, Vergangenheit bei der Bogdanowitscher Polizei. Oberleutnant Wadik Chudoroshkow wie viele andere Offiziere aus der Eingreiftruppe von Polizeimajor Jurij Schilow, dem Chef der Polizei von Bogdanowitsch. Sie alle sind heute „aus dem Spiel“, sie alle sind heute nicht mehr bei der Polizei, nicht mehr beim Innenministerium der Russischen Föderation beschäftigt. Heißt das, unsere Polizei braucht keine findigen, aktiven jungen Offiziere? Die Realität beweist jedoch das Gegenteil: Die Polizei braucht unbedingt qualifizierte Profis, die ihre Sache verstehen. Es ist einfach: es herrschen lokale „Bullenkriege“. Mit anderen Worten ein Handgemenge oder Krieg der Ambitionen, wo es bekanntlich keine Sieger geben kann. Denn das wichtigste ist ein reibungsloser Polizeidienst. Über all das haben die Bürger der Stadt in ihrem offenen Brief an den Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin geschrieben.
Kein Engel, nur Beamter
… Die Karriere von Major Jurij Schilow bei der Polizei war steil. Drei Generalleutnante, die drei ersten Figuren in der Landespolizeidirektion des Gebietes Swerdlowsk, haben ihn konstant und konsequent gefördert. Wladimir Worotnikow ernannte ihn zum Chef der Abteilung Ermittlung bei der Polizei in Suchoj Log. Walerij Krajew ernannte ihn zum Polizeichef. Alexej Krasnikow machte ihn zum Polizeichef von Bogdanowitsch. Hauptmann Schilow war der einzige, der mit 29 Jahren bei der Polizei ei-nen so hohen Posten innehatte. Ernannt wurde er gerechtfertigt, aber abgeschrieben ohne Grund.
Für Schilow, der aus einfachen Verhältnissen stammt, war es ein Kindheitstraum bei der Polizei zu arbeiten und er bereitete sich ab der ersten Klasse darauf vor, zur Kriminalpolizei zu kommen. Er war Vorsitzender der Pioniere seiner Schule, hat beim Melkwettbewerb gesiegt (zu der Zeit dachten die Führer des Allunionsverbandes des Leninschen Komsomols, dass Kühe Vertretern des starken Geschlechts mehr Milch gäben), beherrschte die Kunst des Faustkampfes, bekam den Füh-rerschein, diente in den Grenztruppen, lebte vier Jahre von seiner jungen Frau getrennt, um das Institut des Innenministeriums in Omsk zu beendi-gen. Vor Schilow hatte die Banditen Angst und die Betrüger und Diebe Ehrfurcht. In den dreieinhalb Jahren seiner Tätigkeit als Chef der Bogdanowitscher Polizei hat sich die Situation in der Stadt grundlegend geändert. 2002 hat die Polizei innerhalb nur eines Monates 20 Drogenumschlagsplätze liquidiert. Darüber hat sogar Arkadij Mamontow in seiner Sendung „Sonderreporter“ im Russischen Fernsehen RTR berichtet.
Auf Schilows Initiative hin wurde eine freiwillige Nachbarschaftstruppe gegründet, ein „Sorgentelefon“ wurde eingeführt, im Stadtteil Severnij, der von der übrigen Stadt durch die Eisenbahnlinie abgetrennt ist, wurde ein Polizeipräsidium eröffnet, das von allen gemeinsam gebaut worden war. Es wurde eine mobile Einsatzgruppe, eine örtliche Eingreiftruppe gegründet und ausgestattet.
Zur Sicherung der öffentlichen Ordnung setze Schilow sogar Drachenflieger ein. Er hatte vor, berittene Polizeieinheiten zu organisieren. In den Dörfern wurde die Arbeit der Revierpolizisten aktiviert. Es wurde ein Prämien- und Zuzahlungssystem entwickelt und eingeführt. Durch Entscheidung der Bogdanowitscher Gebietsduma erhielten 16 Mitarbeiter, Offiziere und Sergeante der Polizei, monatliche Zuzahlungen aus öffentlichen Mitteln. 13 Mitarbeiter (Schilow selbst war nicht darunter) erhielten in den 3,5 Jahren neue Wohnungen. Aus gemeinsamen Mitteln von Unternehmen und Stadtverwaltung wurden für die Polizei 14 neue Dienstfahrzeuge angeschafft. Aus ökonomischen Gründen wurde der gesamte Fuhrpark der Polizei auf Gas umgestellt. Schilow versuchte mehrmals über den „heißen Draht“ den Präsidenten der Russischen Förderation zu erreichen, um ihm den Vorschlag zu unterbreiten, eine Experimentalabteilung bei der Polizei einzurichten. Es wurde alles dafür getan, die Polizei mobil zu machen, dass sie augenblicklich auf Anzeigen aus der Bevölkerung reagieren konnte, um Verbrechen auf frischer Fährte aufzuklären…
Im April 2004 wurde alles anders, als sich zwischen den Chef der Landespolizeidirektion des Gebietes Swerdlowsk Worotnikow und den Chef der Polizei von Bogdanowitsch Schilow die Wahlen „stellten“. Nach dem Gesetz „Über die Polizei“ müssen sich die öffentlichen Organe neutral verhalten, aber offensichtlich entsprach dies nicht der Realität, denn in Bogdanowitsch wurde ein Wahlspot gezeigt, in dem der Generalleutnant vor dem Hintergrund einer Kirche zusammen mit einem Unternehmer gezeigt wurde, einem der Kandidaten für den Posten des Bürgermeisters. Major Schilow hat zu jener Zeit gerade eine wichtige Aufgabe der Steuerfahndung zu erfüllen, worüber Auskunft zu geben das Gesetz über die Ermittlungstätigkeit ausdrücklich verbietet, selbst im Falle, sich verteidigen zu müssen. Es heißt, nach der Niederlage des Unternehmers, sei Schilow in Bogdanowitsch, der Heimat des Generalleutnants, zur persona non grata geworden. Dem Major wurde nahe gelegt, den Dienstort zu wechseln, auf denselben Posten nach Saretschnij, oder einen Studiengang an der Akademie des Innenministeriums der Russischen Föderation zu belegen.
Aus dem offenen Brief an den Präsidenten der Russischen Förderation: „Der Chef der Landespolizeidirektion Worotnikow und sein Stellvertreter in Personalfragen Oberst Berdnikow haben Schilow ins Gesicht gesagt, dass sein weiterer Verbleib im Gebiet Bogdanowitsch unerwünscht sei und sollte er sich nicht mit ihrem Vorschlag einverstanden erklären, würde man darauf eine geeignete Antwort finden. Am 21.07.2004, als Schilow nach krankheitsbedingter Abwesenheit wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wollte, wurde er vor die Inspektionskommission der Landespolizeidirektion zitiert und seines Postens enthoben. In der Folge wurde er aus dem Polizeidienst entlassen, ungeachtet der Tatsache, dass ihm kein einziger Verstoß nachgewiesen werden konnte, und er in zehn Jahren vom einfachen Sergeanten zum Polizeichef aufgestiegen war, 40 Belobigungen erhalten hatte, für die Festnahme von bewaffneten Verbrechern für eine staatliche Auszeichnung nominiert worden war, wurden seine Erfolge als Polizeichef, die Meinung der städtischen Verwaltung, der Öffentlichkeit, der Veteranen und Mitbürger ignoriert. Und als der eigenwillige Offizier seine Rechte verteidigen wollte, wurde auf Befehl von General Worotnikow damit begonnen, den Major systematisch zu verfolgen und einzuschüchtern: die mächtige administrative Maschinerie des Generals kam zum Einsatz.
Aber die Gerechtigkeit hat dennoch gesiegt. Am 16.12.2004 hat Major Schilow den Prozess gewonnen. Als er jedoch am nächsten Tag seinen Arbeitsplatz einnehmen wollte, wurde er nicht eingelassen. Auf Befehl von General Worotnikow wurde die antiterroristische Aktion „Festung“ durchgeführt: das Gebäude wurde abgeriegelt, Wachposten aufgezogen. Den ganzen Tag über konnte Major Schilow nicht an seinen Arbeitsplatz gelangen. Gegen Ende des Tages kam Oberst Berdnikow ins Polizeipräsidium und verkündete die Widereinsetzung von Major Schilow in die Reihen des Innenministeriums auf seinen ehemaligen Posten und gleichzeitig Schilows Absetzung als Polizeichef von Bogdanowitsch als Folge einer dienstlichen Überprüfung und seine Versetzung in die Nachbarstadt Suchoj Log.
Dort versieht der in Ungnade gefallene Schilow seinen Dienst ohne Rücksicht auf sich selbst: das belegt der Rapport des amtierenden Chefs der Kriminalabteilung. Am ersten März diesen Jahres wurde der Major jedoch in die landespolizeidirektion zitiert, vor die Inspektionskommission, in der dieselben Leute wie damals saßen, und sie trifft nun die Entscheidung, den Major aus den Reihen des Innenministeriums zu entlas-sen, wie es heißt „wegen grober Verstöße gegen die Disziplin“. Diese be-standen darin, dass Schilow „seinen Untergebenen gegenüber nicht die notwendige Wachsamkeit an den Tag gelegt habe, und es so in der Buchhaltung mehrfach zu größeren Unterschlagungen kommen konnte.
Die nächsten Freunde, die ärgsten Feinde
Das ist eines der Sprichwörter von Major Schilow. In Bezug auf Korruption und „Finger in der Kasse“. Denn Jurij Schilow hat sich mit der unrechtmäßigen Entlassung nicht abgefunden und ist wieder vor Gericht gezogen und hat mit dem Ziel geklagt, wieder in die Reihen des Innenministeriums der Russischen Förderation aufgenommen zu werden und seinen alten Posten wieder besetzen zu können. In der Zwischenzeit ist Schilow als stellvertretender Leiter der Städtischen Verwaltung von Bogdanowitsch tätig. Aus Major Schilow hört man überall ist der ideale Beamte geworden: mit neuen, frischen Ideen, ehrlich, kraftvoll, ohne Hang zum Alkohol.
Aber offensichtlich lässt er General Worotnikow keine Ruhe. Seit dieser von der Karriere des Majors in der Verwaltung weiß, terrorisiert er den Verwaltungsleiter von Bogdanowitsch, indem er eine Überprüfung nach der anderen initiiert. Vor kurzem wurde hier in der Administration von Bogdanowitsch Schilows Arbeitszimmer durchsucht. Offiziell durch-sucht wurde auch Schilows Wohnung. Inoffiziell durchsucht wurde die Wohnung des Majors von Unbekannten, die den persönlichen Safe aufbrachen. Seither hat der dreizehnjährige Sohn des Majors Angst, alleine zu Hause zu bleiben. Dem Major a.D. wurde versucht, Schmiergeld in Höhe von 7500 Rubel „unterzuschieben“. Aber die „Ganoven“ hatten sich verrechnet, der Coup schlug fehl: zur Zeit der angeblichen Annahme des Schmiergeldes, war Schilow krankheitsbedingt in Jekaterinburg in Be-handlung. Leider ist das der bei weitem nicht einzige Vorfall. Alle werden der Reihe nach in dem offenen Brief der Bürger der Stadt an den Präsi-denten der Russischen Föderation Wladimir Putin aufgezählt.
Zum Beispiel wurde gegen Olga D., ehemals Buchhalterin bei der Polizei, Anklage Veruntreuung von öffentlichen Geldern in mehreren Fällen erhoben, mit einer Gesamtsumme von ungefähr 120 000 Rubel. Darunter soll sich ein Fall auf das Jahr 2000 beziehen, drei weitere auf das laufende. Major Schilow war während der Vorfälle entweder krankgeschrieben oder zu dieser Zeit nach Suchoj Log versetzt gewesen, auf jeden Fall war er nicht Polizeichef von Bogdanowitsch. Bis vor kurzem war Schilow im Unterschlagungsprozess nur Zeuge gewesen. Aber… vor ein paar Tagen wurden der Unterschlagungsprozess und Major Schilows „Entlassungsprozess“ zusammengelegt. Er soll die Buchhalterin Olga D. überredet haben, die eigene Polizeiabteilung zu bestehlen… Schilow hat die Absicht, in der Verhandlung eine Tonbandaufzeichnung zu präsentieren, auf der Olga D. bestätigt, dass Major Schilow nichts damit zu tun habe. Die Tonbandaufzeichnung hat eine Länge von einer Stunde. Jedoch behauptet Olga D. nun aus Furcht, sie müsse für Unterschlagungen die Verantwortung übernehmen, Major Schilow habe sie dazu gezwungen, einen auswendig gelernten Text auf die Kassette zu sprechen. Major Schilow hat nichts zu verbergen, er besteht darauf, dass der Prozess öffentlich geführt wird.
Alle Anzeichen sprechen dafür, dass der Prozess in Novouralsk stattfinden wird, in einem der Öffentlichkeit unzugänglichen Gebäudekomplex der Territorialverwaltung. Vor allem unzugänglich für Journalisten. Novouralsk war von Beria gegründet worden und viele behaupten, sein Geist sei bis heute dort wach. Die Beria-Straße wurde erst vor kurzem in Lenin-Straße umgetauft. Im Haus Nummer 46 (eben jener gestern noch Beria-, heute schon Lenin-Straße) befindet der Staatsanwalt von Novouralsk (ein Namensvetter von Major Schilow) Jurij Turygin heute über alle diese Fragen, über 250 Kilometer ebenso weit von Major Schilows Wohnort entfernt, wie auch von den Einzugs- bzw. Zuständigkeitsbereichen der Gerichte Suchoj Log und Bogdanowitsch. Aber das scheint niemanden zu stören.
Eine Geschichte, die nicht schlechter ist als der Fernsehzwölfteiler „Bullenkriege“, nur mit dem hiesigen Major Schilow in der Hauptrolle. Der Statistik nach ist in Bogdanowitsch die Zahl der Patienten, die mit einer Drogenüberdosis in die Krankenhäuser der Stadt eingeliefert wurden, stark angestiegen. Zwei sind daran gestorben, ein achtzehnjähriges Mädchen und ein junger Mann. Um 200% angestiegen ist die Straßenkriminalität, um 128% die Zahl der Wohnungseinbrüche, sprunghaft um 700% ist die Zahl der minderjährigen Kriminellen angestiegen. Ungeachtet dieser zum Himmel schreienden Statistik, wird der momentane Polizeichef vorzeitig zum Oberstleutnant befördert. Ist das nicht wie in einem Film? Wie in einem Krimi!
„Gib es zu!“, wird Kinomajor Schilow aufgefordert.
„Gib es zu oder es kommt noch schlimmer!“, bekommt der reale Major Schilow zu hören.


Übersetzung aus dem Russischen durch Herrn Alexander Kahl